Wie der Vater, so die Tochter
Als Gründer des Weinguts gehört der gebürtige Mièger Winzer Claudy Clavien nicht nur wegen der grossen Qualität seiner Weine, die ihm den begehrten Titel «Schweizer Weingut des Jahres» einbrachte, sondern auch dank seines unbestrittenen Charismas zu den prägenden Persönlichkeiten des Walliser Weinbaus. «Ein feuriger Charakter hinter eiskalten Augen» – diese wenigen Worte bringen den Mann wohl ziemlich treffend auf den Punkt. Claudy nimmt kein Blatt vor den Mund und gerät regelrecht in Fahrt, wenn es darum geht, die Schweizer und insbesondere die Walliser Weine zu verteidigen. Mit seinen fast durchsichtig-blauen Augen fixiert er sein Gegenüber und fesselt es mit Argumenten, denen kaum etwas entgegen-zusetzen ist. Joëlle, Claudys Frau, überlässt ihrer Familie gerne das Rampenlicht und weiss doch genau, dass ohne sie alles ins Wanken geriete. Sie organisiert und verantwortet die gesamte Administration und begleitet zugleich jeden einzelnen Schritt bei der Entstehung der Weine.
Dem Weingut stehen spannende Zeiten bevor, denn die nächste Generation ist bereits in den Startlöchern. Shadia Clavien, die einen Bachelor in Weinbau und Önologie an der Hochschule Changins erworben hat, ist vor acht Jahren in den Familienbetrieb eingestiegen. Heute, mit 33, arbeitet sie eng mit ihrem Vater zusammen und bereitet sich darauf vor, das Gut zu übernehmen. Auch ihre jüngere Schwester Lara bleibt der Familie treu. Sie liess sich Zeit, um sicherzugehen, dass dies tatsächlich ihr Weg ist. Mit 28 absolviert sie derzeit ihre Ausbildung zur Kellermeisterin bei den Staatskellereien des Wallis. Anschliessend möchte sie sich mit einem eidgenössischen Fachausweis und später mit der Meisterprüfung weiterbilden. Auch Shadia sammelte zunächst Erfahrungen ausserhalb des Familien-betriebs – bei Robert Taramarcaz, bei Jean- Pierre Pellegrin in Genf und bei der Cave Eikendal in Stellenbosch, Südafrika. Claudy hat seinen Töchtern nie Druck gemacht. Umso grösser ist seine Freude, dass jenes Unternehmen, in das er sein ganzes Leben investiert hat, für viele weitere Jahrzehnte in Familienhand bleiben wird. Dass seine Töchter in einer noch immer stark männlich geprägten Branche Fuss fassen, hat ihn nie beunruhigt. Für ihn liegt die Zukunft des Schweizer Weins ohnehin in der Dynamik jener jungen Generationen, die bereit sind, die Familienbetriebe weiterzuführen.
Jahr für Jahr hat Claudy die Rebfläche langsam vergrössert. Ausgangspunkt waren die Parzellen seines Vaters, der seine Ernte noch verkaufte. Aus zwei Hektar und fünf bis sechs Rebsorten ist inzwischen ein Betrieb mit elf Hektar geworden. Die Verbundenheit mit dem Terroir von Miège ist tief. Der Boden ist stark kalkhaltig. Beim Rückzug des Rhonegletschers löste sich eine gewaltige Masse Kalkgestein vom Berg. Die sanften Hügel der Region sind Überreste dieses grossen Bergsturzes von Sierre. Ihre Böden sind begehrt – nicht zuletzt, weil sie sich besonders gut für Pinot eignen. Die Weine tragen die Werte der Familie in sich: Walliser Wein zu machen und ihn gut zu machen. Cornalin war eine der ersten Rebsorten, mit denen Claudy das väterliche Sortiment ergänzte. Heute ist sie zugleich Shadias grosse Leidenschaft, die sie bei jeder Gelegenheit ins Rampenlicht stellt. Sie wird damit ein aussergewöhnliches Reben-Erbe weiterführen, das Claudy über Jahrzehnte aufgebaut hat. Jahrgang für Jahrgang hat er sein Wissen über die Böden vertieft und immer genauer gelernt, welche Rebsorte an welchen Ort gehört. Auch Shadia setzt nach und nach auf Prinzipien des biologischen Weinbaus und schliesst eine entsprechende Zertifizierung nicht aus, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. In der Cave des Champs weiss man um den Wert der Zeit.
Walliser Familienbande
Claudy Clavien übernahm zwei Hektar Reben von seinem Vater und gründete 1986 sein eigenes Weingut. Heute bewirtschaftet die Familie elf Hektar. Vor acht Jahren stiess die 33-jährige Shadia Clavien zum Betrieb ihrer Eltern, nun bereitet sie sich auf die Übernahme
vor. Ihre jüngere Schwester Lara absolviert die Ausbildung zur Kellermeisterin und will später gemeinsam mit Shadia im Familienbetrieb arbeiten. Das Sortiment umfasst 19 Weine mit einem klaren Fokus auf Walliser Traditionssorten. Im Weinberg achten Vater und Tochter besonders auf den richtigen Lesezeitpunkt. Ihr Ziel: elegante, einnehmende Weine mit moderatem Alkoholgehalt. Die Weissweine durchlaufen nur eine Gärung, um ihre Frische zu bewahren; bei den Rotweinen sorgt Kaltmazeration für Struktur und Ausdruck.

